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Ethik

Ethik – was ist das?

Von der moralischen Intuition zur ethischen Reflexion

Autor: Hans Schmidt

Aus: ETHIK KONKRET - bethel»wissen No. 01

Ethik ist das Nachdenken über Moral. Moral wiederum bezeichnet all jenes, was wir an Wertvorstellungen in uns tragen. Diese Wertvorstellungen sind uns ... vermittelt durch Erziehung, durch das soziale und kulturelle Umfeld, in dem wir leben, und durch die Erfahrungen, die wir im Laufe unserer Biografie machen. Wertvorstellungen werden uns in der Regel erst dann bewusst, wenn sie von anderen infrage gestellt werden. Wenn wir plötzlich begründen müssen, warum wir uns in einer Sache so und nicht anders verhalten. Moralische Wertvorstellungen unterliegen dem Wandel, sowohl in der eigenen Biografie wie auch in der Gesellschaft.

Gegenwärtig läuft eine gesellschaftliche Debatte darüber an, ob der assistierte Suizid rechtlich legalisiert werden soll oder nicht. Diese Debatte ist eine ethische Auseinandersetzung über die zutiefst moralische Frage, wie hoch die Selbstbestimmung des Menschen anzusetzen ist? Die Debatte beginnt zunächst mit einem moralischen Empfinden. Die einen haben das „Gefühl“ bzw. die moralische Intuition, dass es doch möglich sein muss, einem erkrankten Menschen, der selbstbestimmt darum bittet, ein innerhalb weniger Minuten todbringendes Mittel zur Verfügung zu stellen. Andere haben die gegenteilige „moralische Intuition“, dass dies nicht in Ordnung ist, weil der Mensch hier eine Grenze überschreitet, die ihm nicht zusteht, und dass die negativen Folgen einer solchen Legalisierung überwiegen. Wie aber kann man sich dann verständigen?

Hier setzt das ethische Nachdenken an. Das heißt, Ethik reflektiert auf einer Metaebene die moralischen Standpunkte und fragt nach Begriffen und Begründungen: Was heißt in diesem Fall zum Beispiel Selbstbestimmung? Was meinen wir damit? Hat Selbstbestimmung Grenzen und, wenn ja, wo liegen sie? Welche Folgen hat eine Legalisierung? Welche anderen moralischen Werte werden möglicherweise verletzt. Was verstehen wir unter „lebenswert“ …?

» Ethik ist also das wissenschaftliche und damit methodische Nachdenken über moralische Überzeugungen.

Ethik hat es dabei mit grundlegenden Unterscheidungen zu tun. Den Unterscheidungen von Sein und Sollen, von Faktizität und Geltung, von funktionalen und moralischen Aussagen.

Moralisches Empfinden und ethische Reflexion haben es immer mit der Differenzerfahrung von Sein und Sollen zu tun. Schon im persönlichen Bereich empfinden wir oft die Differenz zwischen dem, was wir „eigentlich“ tun sollten, es aber – aus welchen Gründen auch immer – dann doch nicht tun. Das Gewissen ist hier die innere Instanz, die uns diese Differenz bewusst macht.

Die Unterscheidung von Faktizität und Geltung besagt, dass nicht alles, was „Fakt“ ist, auch deshalb schon moralisch gerechtfertigt ist. Vieles ist etwa in Krankenhäusern und Pflegeeinrichtungen „geregelt“ und damit „Fakt“, von dem Mitarbeitende auszugehen haben. Was „geregelt“ ist, ist Ausdruck eines moralischen und praktischen Konsenses, der sich bewährt hat. Es kann im Einzelfall aber dazu kommen, dass genau das, was „Fakt“ ist, in diesem Fall der Bewohnerin bzw. dem Patienten nicht gerecht wird und deshalb moralisch nicht zu vertreten ist. Es kommt dann zu einem Gewissenskonflikt zwischen Faktizität und moralischer Geltung.

Generell gilt: Nicht alles, was faktisch machbar und funktional ist, sei es medizinisch, technisch, wirtschaftlich, politisch usw., ist auch moralisch vertretbar. Das Problem ist, dass die Ethik dem Faktischen oft hinterherläuft, das heißt, dass erst die Fakten geschaffen werden und dann die ethische Reflexion nachgeholt wird.

Wann ist eine Handlung im moralischen bzw. ethischen Sinne „gut“?

Es gibt – idealtypisch betrachtet – vier Modelle:

  1. Eine Handlung ist dann gut, wenn sie dem obersten ethischen Prinzip entspricht, zum Beispiel dem Prinzip der Selbstbestimmung. Man spricht von einer deontologischen (gr. deon = Pflicht) bzw. Prinzipienethik.
  2. Eine Handlung entspricht den religiösen Grundlagen einer Ethik, zum Beispiel der Überzeugung, dass der Mensch ein Geschöpf Gottes ist und nicht allein der Autor seines Lebens. Man nennt dies eine religiöse Ethik.
  3. Eine Handlung ist dann moralisch gut, wenn die Folgen dieser Handlung das größtmögliche Glück für die größtmögliche Zahl bringt, also der Nutzen für möglichst viele überwiegt. Man nennt dies eine utilitaristische Ethik oder auch Nützlichkeitsethik (lat. utilitas = Nützlichkeit).
  4. Eine Handlung ist dann moralisch gut, wenn das Motiv bzw. die Gesinnung, aus der heraus jemand handelt, gut ist. Man nennt dies eine „Gesinnungsethik“.

Alle vier Ethikmodelle haben ihre Berechtigung und zugleich ihre Schwächen. Im konkreten ethischen Diskurs schwanken wir oft zwischen allen vier Modellen hin und her. Mal denken wir eher „prinzipiell“ – immer dann, wenn es „ums Prinzip“ geht. Aber wird das Prinzip diesem konkreten Einzelfall gerecht? Nicht immer ist das der Fall.
Mal führen wir religiöse oder weltanschauliche Argumente ins Feld. Aber kann man nicht aus religiösen Grundüberzeugungen gegensätzliche Schlussfolgerungen ziehen? Oft ist das der Fall.
Die Nützlichkeitsethik versucht, die Folgen einer Handlung abzusehen und den größtmöglichen Nutzen für möglichst viele zu bestimmen. Aber wieweit kann man die Folgen vorhersehen? Und kann man Lebensfragen von Nützlichkeitserwägungen abhängig machen?
Schließlich die Gesinnungsethik. Sie ist wichtig, weil sie deutlich macht, dass die moralisch gute Gesinnung die Grundvoraussetzung allen moralischen Handelns ist und man eine Handlung nicht allein an den Folgen, die oft nicht vorhersehbar sind, beurteilen kann. Dennoch: Nur die gute Gesinnung bleibt subjektiv und kann zur Selbstgerechtigkeit führen.

Für den Wunsch, das Gute zu wollen, muss man sich klarmachen: Die moralische Freiheit, das Gute zu wollen, ist unbegrenzt. Die Handlungsfreiheit allerdings, das als gut Erkannte auch zu tun, stößt an Grenzen, zum Beispiel durch die jeweilige Situation, knappe Ressourcen, unglückliche Umstände, unvorhergesehene Hindernisse etc. Oder anders gesagt: Zum Wollen des Guten gehört Moralität. Zum Tun des Guten manchmal auch Glück.

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