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Technik

Virtuelle Assistenten als „Lotsen" im Alltag

Virtuelle Assistenten

Autorin: Prof. Dr. Stefan Kopp, Sonja Friedhof

Aus: bethel»wissen No. 03 - Neue Technik

Das Exzellenzcluster „Cognitive Interaction Technology" (CITEC) der Universität Bielefeld – also die Förderung der Forschung in dem Bereich interaktiver Technologien – führt in Kooperation mit den v. Bodelschwinghschen Stiftungen Bethel eine Reihe aufeinander bezogene Forschungsprojekte durch...

Im Rahmen dieser Projekte werden virtuelle Assistenten (Avatare) technisch (weiter-)entwickelt und die soziale Akzeptanz der Nutzung derartiger Systeme bei Klientinnen und Klienten sowie Mitarbeitenden der Arbeitsfelder Behindertenhilfe und Altenhilfe analysiert.

Im ersten Projekt („VASA“) wurde zunächst die prinzipielle soziale Akzeptanz derartiger Assistenten untersucht. Das zweite Projekt („VERSTANDEN“) überprüfte die Machbarkeit einer erfolgreichen, sprachbasierten Mensch-Technik-Interaktion für Menschen mit altersbedingten Einschränkungen.

In diesen beiden Projekten wurde deutlich, dass virtuelle Assistenten nicht nur als zentrale Schnittstelle zu verschiedenen technischen Anwendungen und Systemen genutzt werden können. Darüber hinaus können sie auch eine verbindende „Lotsen“-Funktion im Zusammenspiel von Klientinnen und Klienten, unterstützenden Diensten und Menschen im sozialen Umfeld einnehmen. Das nun anschließende Verbundprojekt „KOMPASS“ wird diese Vision umsetzen und in der Praxis erproben.

Schnittstelle zu technischen Anwendungen

Virtuelle Assistenten bieten zunächst vielfältige Möglichkeiten, die Nutzung technologischer Systeme zu unterstützen. Dies ist entscheidend für Menschen mit Beeinträchtigungen, die selbst nicht oder nur eingeschränkt in der Lage sind Computer zu bedienen. Die virtuellen Assistenten navigieren durch Programme und Applikationen, ohne dass dabei Fähigkeiten im Umgang mit herkömmlichen EDV-Systemen nötig sind.

So wird auch Menschen, die Probleme beim Lesen und Schreiben haben, mit Hilfe eines virtuellen Assistenten der Zugang zu zahlreichen Anwendungen möglich. Im Rahmen der Forschungsprojekte wird beispielhaft die Unterstützung durch Kalender- und Erinnerungsfunktionen sowie von Videotelefonie mit Hilfe eines persönlichen, virtuellen Assistenten entwickelt.

Darüber hinaus sind zukünftig aber auch viele weitere Hilfemöglichkeiten denkbar, z. B. beim Zugang zum Internet, Spracheingabe für Textbearbeitung, Vorlesefunktion für Bücher oder Zeitung, Notrufsysteme, die je nach individuellem Bedarf bei unterstützenden Diensten oder auch direkt beim Notarzt eingehen etc. Denkbar wäre zudem eine Kombination mit technischen Komponenten in der Wohnumgebung, wie Heizung, Licht, Fernsehen oder der Küche. Der Assistent würde so ein gewohnter und persönlicher Lotse bei der Bewältigung des Alltags werden.

Schnittstelle zum sozialen Umfeld und unterstützenden Diensten

Für betreuende und unterstützende Dienste könnte das System in Zukunft, je nach Wunsch der Klientin bzw. des Klienten und abhängig vom jeweiligen Unterstützungsbedarf, als Plattform für ein individuell zusammengestelltes Set an technischen Unterstützungssystemen dienen. Eine solche Plattform könnte von mehreren Akteuren im Hilfesystem gleichzeitig genutzt werden, beispielsweise durch Angehörige, den Pflegedienst, den Hausarzt oder auch ehrenamtliche Helfer. Wer auf welche Anwendungen und Daten zugreifen kann, müsste vorab im Detail geregelt und der Datenschutz umfassend gesichert sein. Dann könnte ein solches zentrales System die Unterstützung über die Grenzen von Einrichtungen und Diensten hinweg erleichtern. Schließlich könnten unterstützende Dienste das System als Plattform für ihre Dokumentation nutzen und Leistungen, die mit Hilfe des virtuellen Assistenten erbracht werden, direkt über das System dokumentieren lassen. Praktisch könnte dies z. B. bedeuten, dass Erinnerungen an Termine oder Medikamenteneinnahme vom System durchgeführt, durch die Nutzenden quittiert und anschließend automatisch im System festgehalten werden.

Anwendungsszenarien

Im Folgenden sollen zwei fiktive Anwendungsszenarien aus der Alten- und der Behindertenhilfe dazu dienen, die Schnittstellenfunktion und den potenziellen Nutzen virtueller Assistenten zu verdeutlichen.

Szenario 1 – Altenhilfe

Frau M. ist 86 Jahre alt und lebt allein in ihrer Wohnung in Bielefeld. Sie leidet unter einer leichten Demenz. Deshalb hat sie Schwierigkeiten Termine pünktlich wahrzunehmen, Medikamente regelmäßig einzunehmen und auf eine regelmäßige Ernährung zu achten. Die Tochter von Frau M. lebt aufgrund ihrer beruflichen Tätigkeit 250 km weit entfernt. Sie ist sehr besorgt um das Wohlergehen ihrer Mutter, weshalb sie großen Wert auf täglichen Kontakt legt. Ein ambulanter Pflegedienst kommt regelmäßig ins Haus, um Medikamente zu stellen und Frau M. zwei Mal wöchentlich beim Duschen zu unterstützen. Zudem hat er der Tochter von Frau M. zugesichert, sich bei Verschlechterungen des Zustands sofort zu melden.

Seit einiger Zeit nutzt Frau M. einen virtuellen Assistenten. Anfangs war sie skeptisch, aber als sie die Darstellung des jungen Manns auf dem Bildschirm gesehen und einige Funktionen getestet hat, bekam sie Freude an der Nutzung. Der virtuelle Assistent wurde, was Aussehen und Stimme betrifft, ihren Wünschen entsprechend gestaltet. Er nimmt morgens zu einer gewünschten Uhrzeit Kontakt mit Frau M. auf. Wenn sie mehrfach nicht reagiert, sendet er automatisch einen Hinweis an den ambulanten Pflegedienst. Zudem unterstützt der virtuelle Assistent Frau M. in ihrer zeitlichen Orientierung und der Tagesstruktur. Er gibt Hinweise zum aktuellen Datum und zur Uhrzeit und geht mit ihr morgens ggf. anstehende Termine durch. Kurze Zeit vorher erinnert er noch einmal daran, dass es Zeit wird, sich auf den Weg zu machen und gibt Hinweise zum aktuellen Wetter, so dass Frau M. ihre Kleidung darauf ausrichtet. Auch auf die regelmäßige Medikamenteneinnahme wird hingewiesen. Einmal täglich führt die Tochter von Frau M. ein Videotelefonat mit ihrer Mutter. Der virtuelle Assistent meldet den Anruf, klärt mit Frau M., ob sie ihn annehmen möchte, und stellt dann die Verbindung her. Frau M. genießt es, ihre Tochter nicht nur regelmäßig zu hören, sondern auch zu sehen. Der Tochter geht es ähnlich, zumal sie so einen aktuellen Eindruck des Zustands der Mutter erhält.

Nach einem Sturz kommt Frau M. ins Krankenhaus. Der ambulante Pflegedienst veranlasst, dass sie ihren virtuellen Assistenten auf dem Bildschirm in ihrem Krankenhauszimmer nutzen kann. Auch hier unterstützt er sie regelmäßig in der zeitlichen und räumlichen Orientierung. Er fragt den Speiseplan mit ihr ab, da ihr das lieber ist, als wenn sie von den Pflegekräften gefragt wird, und bietet Beschäftigungsmöglichkeiten, wie Gedächtnistraining oder das Hören ihrer Lieblingsmusik. Auf Frau M. wirkt es beruhigend, dass sie in dieser fremden Umgebung ihr vertrautes System nutzen kann. Dies hat besonders hohe Bedeutung, da bei plötzlichen Krankenhausaufenthalten von älteren Menschen das Risiko eines Delirs besteht. Bedingt durch die plötzliche medizinische Krisensituation, das ungewohnte Umfeld etc. kommt es zu vorübergehenden Verwirrtheitszuständen, die mehrere Tage, aber auch bis zu mehrere Monate andauern können. Durch eine gute Begleitung und Unterstützung älterer Menschen während des Krankenhausaufenthalts kann dieses Risiko deutlich minimiert werden. Der vertraute Umgang mit einem individuell ausgerichteten, virtuellen Assistenten könnte hier vermutlich zusätzlich helfen.

Szenario 2 - Behindertenhilfe

Herr K. ist 33 Jahre alt und lebt in einer Wohnung in Dortmund. Aufgrund kognitiver Einschränkungen benötigt er Unterstützung in der Organisation seines Alltags. Dies geschieht zum einen über Leistungen eines ambulanten Dienstes, zum anderen nutzt er einen virtuellen Assistenten, der ihm verschiedene Unterstützungsmöglichkeiten im Alltag bietet. So weist der Assistent beispielsweise morgens darauf hin, wann Herr K. das Haus verlassen und sich auf den Weg zur Werkstatt für Menschen mit Behinderung machen muss, in der er tätig ist. Auch dort hat er die Möglichkeit, seinen virtuellen Assistenten zu nutzen. Dieser erklärt ihm u. a. die Abfolge von einzelnen Arbeitsschritten, die sich Herr K. selbst nicht merken kann. Seitdem der virtuelle Assistent ihn anleitet, kann Herr K. komplexere Arbeiten in der Werkstatt ausführen, ohne dabei auf die Hilfe von anderen Personen angewiesen zu sein. Dies hat seine Arbeitszufriedenheit deutlich gesteigert.

Wenn Herr K. nach der Arbeit nach Hause kommt, unterstützt ihn der virtuelle Assistent bei der Nutzung des Internets. Herr K. hat Probleme beim Lesen und Schreiben, aber der Assistent liest ihm Inhalte vor und erstellt auch Texte mit Hilfe von Spracheingaben. Abends führt Herr K. gerne Videotelefonate mit seiner Schwester.

Manchmal erhält Herr K. Post, die er aufgrund seiner Leseschwäche nicht einordnen kann. Er hat dann Sorge, dass wichtige Korrespondenz nicht rechtzeitig beantwortet wird. Mit dem virtuellen Assistenten besteht nun die Möglichkeit, per Videotelefonat Kontakt zu seinem Bezugsbetreuenden aufzunehmen. Dann kann er das jeweilige Schreiben in die Kamera halten und klären, ob Handlungsbedarf besteht. Früher musste Herr K. oft einige Tage bis zum nächsten Besuchstermin seines Bezugsbetreuenden warten. Die Möglichkeit, schnell und unkompliziert Kontakt aufzunehmen und den vertrauten Mitarbeiter bzw. die Mitarbeiterin des Betreuungsdienstes auf dem Bildschirm zu sehen, gibt ihm Sicherheit. Bei jedem Kontakt, der über den virtuellen Assistenten zwischen Herrn K. und Mitarbeitenden des Betreuungsdienstes hergestellt wird, erfolgt automatisch eine kurze Dokumentation mit Datum und Zeit. Auf Wunsch können die Mitarbeitenden im Anschluss auch noch per Spracheingabe einige Informationen zum Inhalt des Gesprächs eingeben. Diese schnelle, unbürokratische Dokumentationsform spart Zeit und ist für Mitarbeitende einfach in der Anwendung.

Ausblick

Beide Szenarien werfen mit den dargestellten Anwendungsbeispielen einen Blick in die Zukunft. Sie verdeutlichen aber das große Potenzial derartiger Systeme für die Alltagsgestaltung von Menschen mit Beeinträchtigungen. So könnten virtuelle Assistenten als ein zusätzliches Hilfsmittel mit in die Pflege- bzw. Teilhabeplanung einbezogen werden und in der konkreten Anwendungsweise individuell auf die Bedürfnisse der Nutzerinnen und Nutzer ausgerichtet werden. Als zentrales Kriterium für die Nutzung assistiver Technologien gilt hier, dass ihr Einsatz die Teilhabe und selbstbestimmte Lebensführung von Klientinnen und Klienten fördern und zur Entlastung der Mitarbeitenden von personenfernen Routinetätigkeiten dienen soll.

Bis virtuelle Assistenten in der Praxis in solcher Form angewendet werden können, sind aber sowohl auf technischer Seite als auch im Bereich der Dienstleistungsanbieter noch einige Entwicklungen erforderlich. Das System muss äußerst stabil funktionieren und die Interaktion zwischen dem Menschen und dem Assistenten muss verlässlich sein. Es bedarf eines Anbieters, der die nötige Hardware zusammenstellt (Bildschirm/Fernseher, Computer, Mikrofon, Kamera, eventuell Sensoren, je nach konkreter Anwendung), die Software vertreibt und den technischen Support bietet. Der Dienstleistungsanbieter muss ein integriertes Pflege- und Unterstützungskonzept haben und in seine Infrastruktur einbinden. Offen ist auch die Frage der Finanzierung, insbesondere, wenn mehrere professionelle Dienste beteiligt sind. Letztlich sind wichtige juristische Fragen (wie Nutzungsrechte, Datenschutzfragen, Haftung bei Fehlfunktionen etc.) ebenso in den Blick zu nehmen, wie grundlegende ethische Aspekte[1]. Letzteres geschieht bereits in den Projekten unter aktiver Teilnahme von Klientinnen und Klienten sowie Mitarbeitenden.

Aktuell wird der Avatar „Billie“ im Verbundprojekt KOMPASS („Sozial kooperative virtuelle Assistenten als Tagesbegleiter für Menschen mit Unterstützungsbedarf“) weiterentwickelt. Das durch das Bundesministerium für Bildung und Forschung bis zum März 2018 geförderte Projekt hat zum Ziel, eine Assistenztechnologie zu entwickeln, die sich den kognitiven und emotionalen Fähigkeiten der jeweiligen Nutzer bzw. Nutzerinnen anpasst. Im Fokus stehen dabei Fähigkeiten zur sozial kooperativen, „einfühlsamen“ Interaktion, um Verstehen, Akzeptanz und Unterstützung der Nutzer/innen zu gewährleisten. Nähere Informationen unter: https://scs.techfak.uni-bielefeld.de/kompass/

 

[1] Um bereits im Vorfeld des Einsatzes von neuen Technologien ethische Fragen zu thematisieren, haben die v. Bodelschwinghschen Stiftungen Bethel eine Liste von Fragen und Antworten zusammen gestellt, die sowohl informiert als auch grundsätzliche Positionen zum Einsatz von assistiven Technologien verdeutlicht. » weitere Informationen

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