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Vielfalt

Vielfalt als Chance wahrnehmen

Vielfalt als Chance

Interview mit: Halil Karacayli

Aus: Kulturelle und religiöse Vielfalt - bethel»wissen No. 02

» Herr Karacayli, Ihr religiöser Hintergrund ist islamisch geprägt und Sie sind vor zwei Jahren in eine Führungsfunktion innerhalb der v. Bodelschwinghschen Stiftungen Bethel gewechselt. Haben Sie sich vor Antritt Ihrer neuen Funktion in besonderer Weise auch mit Fragen der Diakonie beschäftigt?

Karacayli: Ja, natürlich. Durch die Übernahme einer Leitungsfunktion stehe ich anders in der Verantwortung. Zu meinen Aufgaben als Führungskraft in einer diakonischen Einrichtung gehören unter anderem, den diakonischen Auftrag sowie die diakonischen Werte im Betreuungsalltag sowohl für die Mitarbeitenden als auch für unsere Nutzer und Nutzerinnen erkennbar und erlebbar zu machen. Daher habe ich mich vor Aufnahme meiner Leitungstätigkeit sehr intensiv mit dieser Thematik auseinandergesetzt. Besonders hilfreich war für mich die Teilnahme an der Weiterbildung für neue Leitungskräfte „Den Wandel führend gestalten“, da in zwei Modulen die diakonische Identität Bethels und die daraus erwachsenen Anforderungen an die Führungskräfte im Mittelpunkt standen.

» Spielt in Ihrem beruflichen Alltag Ihre religiöse Ausrichtung eine Rolle?

Karacayli: Selbstverständlich spielt sie für mich eine Rolle. Es ist für mich wichtig, meinen persönlichen Glauben in Einklang mit dem zu bringen, was ich beruflich tue, um mich nicht „verstellen“ zu müssen. Ich habe festgestellt, dass meine eigene Religion und der Glaube an Gott nicht im Widerspruch zu dem stehen, was im Christentum oder auch in anderen Religionen gelebt wird. Nächstenliebe ist ja nicht nur im Christentum ein ganz wichtiger Begriff, sondern auch im islamischen Glauben. Und daher habe ich keinerlei Bedenken oder Befürchtungen, dass ich im Widerspruch zu meinem eigenen Glauben stehe, wenn ich als Bereichsleitung in einer diakonischen Einrichtung tätig bin.

» In welchen Situationen war oder ist es für Ihre Mitarbeitenden relevant, dass Sie einen anderen Religionshintergrund haben?

Karacayli: Eigentlich nur dann, wenn es um das Thema „Essen“ geht. Bemerkenswert fand ich, dass die Mitarbeitenden von sich aus im Rahmen einer Festlichkeit sagten: „Da Herr Karacayli, unsere Leitung, muslimischen Glaubens ist, darf er kein Schweinefleisch essen. Daher müssen wir darauf achten, dass wir bei Feierlichkeiten oder teaminternen Anlässen nicht nur Schweinefleisch, sondern auch zum Beispiel Geflügelfleisch haben“. Ansonsten spielt mein Religionshintergrund für meine Mitarbeitenden keine Rolle. Im Team steht der Mensch im Mittelpunkt, unabhängig davon, welcher Herkunft er ist oder welchen Glauben er hat.

» Ist es für Ihre Klientinnen und Klienten ersichtlich, dass Sie muslimischen Glaubens sind?

Karacayli: Das müssten Sie die Klientinnen und Klienten fragen. Eigentlich würde ich eher nein sagen, aber eine Ausnahme stellt wie bei meinen Mitarbeitenden das Thema Essen dar. In der Regel spielen mein Glaube sowie meine Herkunft für die Bewohnerinnen und Bewohner keine Rolle. Allerdings lassen sich Menschen in Krisensituationen manchmal dazu verleiten, meine "Andersartigkeit" abwertend zu beurteilen. Die negativen Bemerkungen solcher Art nehme ich in meiner Funktion jedoch nicht persönlich. Diese könnten auch einen anderen Kollegen oder eine Kollegin auf ähnliche Weise treffen, der oder die an meiner Stelle wäre und einen christlichen Hintergrund hätte.

» Gib es Fragen an Sie, in denen das Interesse an Ihrer Religion deutlich wird?

Karacayli: Ja, mit machen Fragen werde ich immer wieder konfrontiert. Schnell entsteht z.B. ein Gespräch, wenn mir Fragen dazu gestellt werden, wie in der islamischen Welt mit den Geschlechterrollen umgegangen wird oder ob meine Frau verschleiert wäre. Die Fragen sind sehr vielfältig. In diesen Gesprächen sehe ich die Chancen und Möglichkeiten, in einem offenen Umgang mit dieser Thematik, mehr Akzeptanz und Toleranz für das sogenannte „Fremde“ zu entwickeln, um eventuell bestehende Vorurteile und „Schubladendenken“ abzubauen.  

» An welchen Stellen nehmen Sie die diakonische Kultur im Unternehmen besonders wahr?

Karacayli: Zunächst natürlich in Gesprächsrunden oder auch in der Regelkommunikation, die mit einer Besinnung begonnen wird - das war für mich etwas Neues. Auch die Einsegnung in der Zionskirche zu Beginn meiner Leitungstätigkeit war für mich ein besonderes Zeichen der diakonischen Prägung, aber auch der Wertschätzung. Darüber hinaus nehme ich die diakonische Kultur des Unternehmens besonders durch die enge Zusammenarbeit der Einrichtungen und Dienste mit den Kirchengemeinden vor Ort wahr. Da kann das „Unterstützte Wohnen Eckardtsheim 2“ beispielsweise auf eine positive Kooperation und Vernetzung mit der örtlichen Kirchengemeinde zurückblicken. Feste und kirchliche Feiertage werden im Austausch geplant und durchgeführt. Darüber hinaus findet wöchentlich unter der Leitung der Gemeindepastorin und unserer Beauftragten für geistliches Leben ein Besinnungsfrühstück statt, bei dem es um theologische Fragestellungen, aber auch um alltägliche Themen und Interessen der Teilnehmenden geht.  

» Wie ist Ihre persönliche Einschätzung: Wird es in Bethel zukünftig mehr Mitarbeitende anderer religiöser Ausrichtungen oder Hintergründe geben?

Karacayli: Meiner Meinung nach wird es in wenigen Jahren deutlich mehr Mitarbeitende mit einer anderen religiösen Ausrichtung geben, da die v. Bodelschwinghschen Stiftungen Bethel auf den demografischen Wandel und die zunehmenden gesellschaftlichen Veränderungsprozesse in Deutschland reagieren werden müssen bzw. schon heute reagieren. Daher begrüße ich das neue Positionspapier des Vorstands zur kulturellen und religiösen Vielfalt sehr. Das Papier hat bei vielen Führungskräften und Mitarbeitenden für mehr Klarheit und Orientierung gesorgtt. Dabei ist dennoch zu betonen, dass Bethel eine kirchliche Stiftung ist und die diakonischen Werte letztendlich von allen Mitarbeitenden mitgetragen werden müssen. Das lässt sich sicherlich in Einstellungsgesprächen erkennen, aber allein die Zugehörigkeit zu einer christlichen Kirche kann kein Merkmal dafür sein, die diakonische Identität des Unternehmens sicherzustellen. Deswegen ist es umso wichtiger, neue Mitarbeitende und Führungskräfte im Rahmen von Fort- und Weiterbildungen für diakonische Fragestellungen zu sensibilisieren und auf die Anforderungen gut vorzubereiten. Denn wenn jemand sich bewusst dafür entscheidet, in einer diakonischen Einrichtung zu arbeiten, muss derjenige die Philosophie des Unternehmens im Alltag umsetzten und im Kontakt mit dem Klientel spürbar machen können.

» Haben Sie einen Rat für Ihre zukünftigen Kolleginnen und Kollegen?

Karacayli: Auf keinen Fall die eigene nicht-christliche Religionszugehörigkeit als Ausschlusskriterium für eine Tätigkeit in einer kirchlichen Stiftung zu betrachten und immer offen zu sein und ins Gespräch zu gehen: Uns Menschen verbindet mehr, als uns unterscheidet.

» Wie würden Sie selbst die kulturelle und religiöse Vielfalt in Bethel beschreiben? Wie nehmen Sie diese wahr?

Karacayli: Die kulturelle und religiöse Vielfalt würde ich so beschreiben, dass wir Menschen beraten und betreuen, die unterschiedliche soziokulturelle und religiöse Prägungen mitbringen. Diese nehmen wir als Chance und Reichtum wahr und versuchen stets, unsere Angebote an die individuellen Bedürfnisse der Nutzerinnen und Nutzer anzupassen. Allerdings stehen wir vor großen gesellschaftlichen Veränderungsprozessen, die uns heute schon im Betreuungsalltag herausfordern. Um auf diese Herausforderungen adäquat reagieren zu können, aber auch die Chancen des gesellschaftlichen Wandels für die diakonische Arbeit zu nutzen, ist es wichtig, interkulturell kompetente Mitarbeitende einzustellen bzw. Mitarbeitende durch Qualifizierungsmaßnahmen hierfür zu sensibilisieren.   

» Gibt es noch einen Punkt, der Ihnen zum Thema kulturelle und religiöse Vielfalt besonders am Herzen liegt?

Karacayli: Ja. In den strategischen Unternehmensschwerpunkten 2011 bis 2016 wird auf die gesellschaftlichen Herausforderungen eingegangen,  auf die die v. Bodelschwinghschen Stiftungen Bethel reagieren müssen, zum Beispiel auf die Herausforderungen des demografischen Wandels und der zunehmenden gesellschaftlichen Vielfalt. Trotz dieser Veränderungen soll die sogenannte ACK-Klausel bestehen bleiben. Das heißt: Menschen, die in den v. Bodelschwinghschen Stiftungen als Mitarbeitende tätig sein wollen, sollen in der Regel Mitglieder einer christlichen Kirche oder kirchlichen Gemeinschaft sein, die der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen angehören. Nur in Ausnahmefällen soll von dieser Regelung abgewichen werden. Um den gesellschaftlichen Anforderungen entsprechend Einfluss auf die weitere Organisationsentwicklung zu nehmen, reicht es für Bethel als größte diakonische Einrichtung Europas aus meiner Sicht nicht aus, die ACK-Klausel nur in begründeten Ausnahmefällen aufzuweichen. Die ACK-Klausel scheint für viele junge engagierte Menschen, die gerne im sozialen Bereich tätig sein wollen, aber einen anderen religiösen Hintergrund haben, eine Hürde zu sein. Die weitere Öffnung der aktuellen Regelung würde meiner Ansicht nach neue Chancen für Bethel ermöglichen, um gezielt Nachwuchskräfte mit unterschiedlicher soziokultureller und religiöser Herkunft für sich zu gewinnen.

» Herzlichen Dank für das Gespräch, Herr Karacayli!

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